Die Erfindung Westfalens.
Eine digitale Ausstellung zu Bernhard Wittes Historia Westphaliae und dem Kloster Liesborn um 1500 — der Zeit, in der ein Liesborner Mönch die älteste Darstellung einer „Geschichte Westfalens“ schrieb.
- Epoche
- um 1500
- Hauptperson
- Bernhard Witte
- Objekte
- 13
Westfalen zwischen Mittelalter und Neuzeit.
Um das Jahr 1500 vollzogen sich in Westfalen tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen. Nach dem Abflauen der großen Pestwellen kam es zu einem Bevölkerungswachstum und Aufblühen der Städte. In der Landwirtschaft wurden aufgegebene Flächen neu kultiviert und zusätzliches Ackerland unter den Pflug genommen. Innovationen in Handel und Handwerk beflügelten die Wirtschaft und formten ein städtisches Patriziat, das nach politischer Partizipation und sozialer Repräsentation strebte.
Zugleich kam es zu einer alle Lebensbereiche umfassenden Intensivierung der Frömmigkeit — sichtbar in religiösen Erneuerungsbewegungen wie der Devotio moderna und Reformbestrebungen wie der Bursfelder Kongregation. Am Vorabend der Reformation hinterließen diese Veränderungen ihre Spuren in Bildern und Ritualen der Kirchen und Klöster.
In dieser Zeit des Aufbruchs erlebte auch das Kloster Liesborn eine Blütezeit — und ein Mönch machte sich daran, die älteste Darstellung einer „Geschichte Westfalens“ zu schreiben.
Liesborner Blüte im Spätmittelalter.
Die Blütezeit des Liesborner Konvents ist vor allem mit den Namen zweier Äbte verbunden: Heinrich von Kleve (1464–1490) und Johannes Schmalebecker (1490–1522). Unter ihnen wurde das Kloster zu einem wichtigen Mitglied der benediktinischen Reformbewegung der Bursfelder Kongregation.
Aus den Rechnungsbüchern der Abtei geht hervor, dass große Summen für Bauten, Kunstwerke und die Bibliothek ausgegeben wurden. Kirche und Konvent wurden umfassend aus- und umgebaut. Die Förderung von Kunst und Wissenschaft zeigt sich nicht nur in den vom Meister von Liesborn gestalteten Tafeln für den Hochaltar — der enorme Ausbau der Klosterbibliothek dürfte auf die Initiative eines Mannes zurückgehen, der 1490 ins Kloster eintrat: Bernhard Witte.
Auferstehung Christi.
Christus entsteigt einem quer zum Bild gestellten Sarkophag. Auf der zum Gruß erhobenen rechten Hand ist das Wundmal der Kreuzigung zu sehen. In der Linken hält er die Auferstehungsfahne.
Um das Grab verteilt finden sich drei Wächter, von denen zwei schlafen und nur einer Zeuge der Auferstehung wird. Im Hintergrund ist unter dem Goldgrund eine Landschaftsdarstellung zu erkennen.
Die Tafel gehörte zum unteren rechten Feld des rechten Flügels eines Passionsaltars. Über den ursprünglichen Bestimmungsort ist nichts bekannt.
Jakobus d. Ä. mit Stifterin.
Die Tafel ist ein Fragment des Heiligkreuzaltars der Liesborner Klosterkirche, dessen Teile sich heute im LWL-Museum für Kunst- und Kulturgeschichte (Münster) und der National Gallery (London) befinden.
Zu den Füßen des Heiligen — der im Nimbus als Sanct Jacobus Maior bezeichnet wird — kniet eine kleine, weibliche Stifterfigur in Ordenstracht, die nicht identifiziert werden kann.
Stilistische Differenzen zwischen den erhaltenen Fragmenten legen die Vermutung nahe, dass verschiedene Maler aus einer Werkstatt an dessen Entstehung beteiligt waren.
Architekturelemente.
Bei den Architekturelementen handelt es sich um Reste der gotischen Abteikirche aus der Zeit des Liesborner Abtes Johannes Schmalebecker. Unbekannte Werkstatt: Architekturelemente, Sandstein, um 1500, Inv.-Nr. 82/56x.
Der Leuchterengel.
Der Engel ist Teil eines Leuchterpaares, das um 1520 von Abt Schmalebecker in Auftrag gegeben wurde. Es flankierte vermutlich einen der Altäre der Liesborner Klosterkirche. Der zweite Leuchterengel ist verloren.
Altarleuchter sind seit dem 12. Jahrhundert in Gebrauch. Bei der Verkündigung des Evangeliums symbolisiert ihr Licht die Anwesenheit Christi, der sich selbst als das „Licht der Welt“ bezeichnete (Johannes 8,12).
Fromm mit allen Sinnen.
Die Zeit, in der Bernhard Witte lebte, war geprägt vom Erleben und Erfahren Gottes. Das Nachspüren der Natürlichkeit und das genaue Erfassen beeinflussten Wissenschaft und Kunst. Vor allem aber waren Liturgie und fromme Praktiken vom Mit-Erleben und Mit-Leiden geprägt. Das menschliche Leben Jesu stand nun im Mittelpunkt: von der Freude über die Geburt bis zu den Todesqualen am Kreuz.
Insbesondere das Nacherleben der Passion prägte die spätmittelalterliche Frömmigkeit und brachte neue Andachts- und Gebetsformen wie den Kreuzweg hervor. Auch die Verehrung von Heiligen und ihren Reliquien nahm rasant zu. Die in kostbaren Gefäßen aufbewahrten Fragmente vom Körper eines Heiligen sowie Heiligenfiguren waren sinnlich fassbare Objekte.
Auch der Bursfelder Kongregation waren die Pflege der individuellen Christusbeziehung und das Studium der Mystik ein Anliegen. Die Liesborner Klosterbibliothek besaß zahlreiche Werke der Meditationsliteratur.
Christus im Elend.
Die Skulptur stellt den Moment vor der Kreuzigung dar. Christus sitzt nur mit einem Lendenschurz bekleidet auf einem Stein. Die gefesselten Hände sind in einer Klagegeste auf den Oberschenkel aufgestützt. Alttestamentliches Vorbild des Motivs ist der trauernde Hiob.
Das auch „Christus in der Rast“ genannte Bildthema beruht nicht auf den Passionsberichten der Evangelien, sondern entspricht einer Bildtradition, die am Ende des 14. Jahrhunderts entstanden ist.
Eucharistische Frömmigkeit.
Die eucharistische Frömmigkeit wurde im Mittelalter bildhafter. Es genügte nicht mehr der Glaube, dass Christus in der vom Priester gewandelten Hostie anwesend ist — man wollte es vor Augen geführt bekommen. Der Priester erhob die Hostie nach den Wandlungsworten, damit die Gläubigen sie sehen konnten, und die Kunst erschuf Schau- und Tragegefäße (Monstranzen). Im Jahr 1264 wurde das Fronleichnamsfest für die Gesamtkirche vorgeschrieben.
Rekonstruktion des Liesborner Altars.
Er [Abt Heinrich von Cleve] schmückte den Chor mit neuem, kunstvoll gearbeiteten Chorgestühl und er ließ den Chor selbst mit dem Hochaltar zu Ehren der heiligen Gottesmutter Maria und der heiligen Märtyrer Cosmas und Damian und des seligen Propheten Simeon, den Patronen des Klosters, im Jahr des Herrn 1465 am Tag der Heimsuchung der Jungfrau Maria zusammen mit vier anderen Altären der niederen Kirche weihen. Diese Altäre schmückte er aufwändig mit Bildtafeln, so mit Gold und Farben verziert, dass der Maler von diesen gemäß der Meinung von Plinius bei den Griechen als Künstler ersten Ranges gelten könnte […].
Dieser „Künstler des ersten Ranges“ ist heute bekannt unter dem Notnamen Meister von Liesborn. Sein Hauptwerk ist das um 1490 für den Hochaltar der Liesborner Klosterkirche geschaffene Retabel. Den Hochaltar sowie vier Nebenaltäre, für die der Liesborner Meister ebenfalls die Retabel schuf, ließ Abt Heinrich von Cleve bereits im Jahr 1465 weihen.
Die Altarbilder dienten der Verstärkung der Passionsfrömmigkeit in der Liturgie, die von der Bursfelder Reform besonders gefördert wurde. So verweisen die fliegenden Engel, die Messkelche zum Auffangen des Blutes Christi tragen, auf die Eucharistie.
Nach der Säkularisation der Abtei 1803 wurden die Tafeln zerteilt. Nur einige Fragmente und zwei vollständige Tafeln sind erhalten geblieben. Der Rest ist verschollen.
Mönch und Chronist am Ende des Mittelalters.
Über das Leben von Bernhard Witte ist nur wenig bekannt. Er dürfte vor 1465 geboren worden sein, da er 1491 zum Priester geweiht wurde und zu diesem Zeitpunkt ein Mindestalter von 25 Jahren haben musste.
Nach eigener Auskunft stammte er aus Lippstadt; seine Eltern waren der Ackerbürger Johannes Witte und seine Ehefrau Lücke (Ludovica). Seine Mutter spendete 1497 eine Summe von 22½ Goldgulden für den Neubau der Liesborner Pfarrkirche und vermachte dem Kloster 1498 ihr gesamtes Eigentum in Lippstadt.
Seine Reisen nach Osnabrück und Braunschweig zeigen, dass Bernhard Witte nicht schon als Kind ins Kloster gegeben wurde. Beim Tod des Abtes Heinrich von Kleve (2. Juni 1490) war er Novize in Liesborn. Nach seiner Priesterweihe war er als Sekretär tätig — nahezu alle zwischen 1491 und 1531 ausgestellten Urkunden stammen aus seiner Feder.
1532/1533 erfahren wir von einer „besonderen Pflege“ des etwa 70-jährigen Mönchs, der wohl kurz darauf verstorben sein dürfte.
Über diese Ausstellung.
Diese digitale Ausstellung basiert auf der musealen Präsentation des Museums Abtei Liesborn zu Bernhard Witte und der Geschichte des Klosters um 1500.
Bildrechte: Museum Abtei Liesborn / Kreis Warendorf · Texte: Museum Abtei Liesborn · Quellen: Bernhard Witte, Historia Westphaliae · Rechnungsbücher der Abtei Liesborn · Ausstellungsbegleittexte.